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am 11. Mai

Helga Kromp-Kolb: "Die Klimakrise kennt keinen Lockdown"

Lore Brandl-Berger - Hier die wichtigsten Fakten aus dem Online-Vortrag der international renommierten Hietzinger Meteorologin und Klimaforscherin Helga Kromp-Kolb.

Helga Kromp-Kolb beginnt mit der Feststellung, dass die bereits getroffenen und vorgesehenen Maßnahmen nicht ausreichen, um den Klimawandel zu stoppen, sie würden nur die Erderwärmung verzögern. Die Treibhausgase, vor allem Kohlendioxid, das seit 1965 konstant ansteigt, müssen dringend reduziert werden. Wir dürfen den Klimawandel nicht ignorieren und müssen uns darauf einstellen, dass eine Transformation unseres Lebensstils nötig ist. Die starke Verringerung des Verkehrs während des Lockdowns bewirkte im Frühjahr 2020 in Österreich eine 30%ige Reduktion der Treibhausgase, im Jahresdurchschnitt waren es 7%. 

Die Corona-Krise ist kein Zufall. Die Menschen berauben die Wildtiere ihres Lebensraums, diese weichen zu den Menschen aus, gelangen in ihre Nähe. So können Viren leicht überspringen, es gibt noch Tausende solcher Viren. Das globale Transportwesen trägt zur Verbreitung der Viren bei. Wir stehen wahrscheinlich am Anfang eines Zeitalters der Pandemien.

Das Verhältnis von 1/3 Land und 2/3 Meer ändert sich durch den Klimawandel. Amphibien und Korallen sind um über die Hälfte zurückgegangen. Wir Menschen haben den Planeten krank gemacht und sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen. Für die Gesundung des Menschen und der Gesellschaft sind zum Beispiel folgende Maßnahmen unabdingbar: 

  • Der/die Einzelne muss auf seinen/ihren Körper achten und seine/ihre Abwehrkräfte stärken.
  • Das Wirtschafts- und das Finanzsystem muss geändert werden,
  • Die Verschmutzung der Meere muss beseitigt werden.

Im Zeitmaß könnte die Corona-Krise 3 Jahre, die Wirtschaftskrise 30 Jahre dauern und die Klimakrise gar nicht mehr aufhören. Krisen bieten aber die Chance, dass wirklich etwas getan wird. Die Milliarden, welche die EU gerade verteilt, sollten für die Umwelt verwendet werden, wobei zu beachten ist, dass der Individualverkehr den Klimawandel besonders vorantreibt, weshalb vor allem in klimafreundliche Mobilität investiert werden sollte.


Welche Ursachen und Folgen hat der Klimawandel?

Treibhausgase (Methan, CO2, Lachgas, Ozon/O3) entstehen durch die Verbrennung von Kohle, Öl, Gas und erwärmen die Erde. Das führt dazu, dass das Wetter extremer wird, Wind und Regen eine besondere Intensität entwickeln und die Gletscher schwinden, wovon alle Lebensbereiche betroffen sind. Ab den 1970-er-Jahren wird in Österreich und weiteren Ländern ein starker Treibhausgasanstieg beobachtet. Die EU-Mitgliedsländer haben sich im April 2021 darauf geeinigt, dass die Treibhausgase bis 2030 um mindestens 55 Prozent unter den Wert von 1990 gesenkt werden. Kromp-Kolb verlangt viel mehr Reduktion, nämlich 80%. (Auch für die Grünen sind 55% ein enttäuschendes Ergebnis.) Die durchschnittliche Jahrestemperatur ist in Österreich im Vergleich zur vorindustriellen Zeit um 2,4° gestiegen, 2080 wird sie um 4° gestiegen sein, wenn der Klimawandel nicht gestoppt wird. 

Konkret bedeuten diese Veränderungen, dass die Blüte immer früher eintritt, dass es im Vergleich zu 1850 bereits jetzt 15x mehr Überschwemmungen gibt, dass die Ökosysteme sich verändern, dass der Meeresspiegel ansteigt. Küstenregionen werden, wenn die Entwicklung so weitergeht, überflutet und andere Regionen durch Hitze und Trockenheit unbewohnbar. Das hat zur Folge, dass Klimaflüchtlinge in die gemäßigten Zonen drängen werden, wo aber ebenfalls mit schwindenden Ressourcen, zum Beispiel bei Wasser, zu rechnen ist. Schwere wirtschaftliche und politische Krisen sind also im worst case vorprogrammiert. Die Erde wird nicht mehr Lebensraum für den Menschen sein können. Es gebe kein globales Konzept der Stabilisierung, beklagt Kromp-Kolb.


Was können wir in dieser Situation tun?

Österreich ist eines von 5 Ländern in Europa, wo die Treibhausgase gestiegen sind und das bei der UN -Klimakonferenz in Parisim Dezember 2015 festgelegte Ziel, den Temperaturanstieg im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter unter 2° zu halten (am besten auf 1,5°) verfehlt wurde. 2021 droht Österreich deshalb eine Strafzahlung von 9,2 Mrd. Euro, die man wohl besser in den Klimaschutz investieren hätte sollen.

Treibhausgase lassen sich berechnen und betrugen in Österreich im Jahr 2019 79,8 Mio Tonnen, die für das Erreichen der Klimaziele auf ca 17 Mio gesenkt werden müssten. Dafür müsste die Politik steuernd eingreifen und den Rahmen schaffen


  • indem klimafreundliche Produktionsweisen, die Erzeugung von qualitativ guten Produkten in allen Sparten, die Verwendung von erneuerbaren Energien gefördert werden. 
  • indem die Gesundung der Böden, die durch Düngemittel und Insektengifte immer mehr beeinträchtigt sind, vorangetrieben wird,
  • indem fossile Energien durch erneuerbare Energien ersetzt werden,
  • indem nur mehr 1/7 der Autos produziert werden,
  • indem die Arbeitswelt auf neue Jobs umgestellt wird,
  • indem eine wirksame sozial-ökologische Steuerreform geschaffen wird
  • indem Demokratie im Kleinen gefördert und gelebt wird.

Im Moment gibt es gute Voraussetzungen für die Verwirklichung dieser Forderungen:

  • 175 Staaten haben sich verpflichtet, die Erderwärmung mit 1,5° mehr als im vorindustriellen Zeitalter zu begrenzen.
  • Die Finanzwirtschaft wird angesichts der neuen Wertigkeit unruhig.
  • Die Wirtschaft realisiert, dass sie sich neu erfinden muss.
  • Die Jugend politisiert sich und fordert von den PolitikerInnen nachhaltiges Handeln.
  • Die Corona-Krise ist eine Chance, weil sie uns die Folgen des ausbeuterischen Umgangs mit Natur, Umwelt und Tieren bewusst macht und uns erstaunt beobachten lässt, dass auf einmal Schulden gemacht werden dürfen, ohne dass das als problematisch angesehen wird. Corona hat auch das Wertebewusstsein verändert; alles erscheint unter dem Aspekt Gesundheit in einem anderen Licht. Der Wunsch, nach Corona das alte Leben zurückzuholen, führt nach Kromp-Kolb nicht zu einer nachhaltigen Lebensführung. Wir müssen in die Zukunft schauen und das tun, was die Welt und die Menschen überleben lässt.


Transformation unserer Welt: die Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung

„Alle 193 Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen verpflichteten sich im September 2015, auf die Umsetzung der Agenda 2030 mit ihren 17 nachhaltigen Entwicklungszielen (Sustainable Development Goals, SDGs) auf nationaler, regionaler und internationaler Ebene bis zum Jahr 2030 hinzuarbeiten.“

(https://www.bundeskanzleramt.gv.at/themen/nachhaltige-entwicklung-agenda-2030.htm​)

Das Besondere an dieser Agenda besteht in der gleichrangigen Behandlung von Wirtschaft, Sozialem, Ökologie, Menschenrechten, Rechtsstaatlichkeit, Frieden, Sicherheit u.a.m. Kromp-Kolb meint, dass die Agenda 2030 uns vor Augen führt, dass es nicht genügt, einzelne Ziele zu verfolgen, sondern dass alle verfolgt werden müssen, und zwar gleichzeitig, wenn wir die rettenden Klimaziele erreichen wollen. Das Gesamtziel ist ein gutes selbstbestimmtes Leben für alle; die Bedingungen dafür sind ein gutes soziales Netz, eine intakte, ökologisch ausgewogene Umwelt, Gesundheit, Bildung, Glück und anderes mehr. Das koste nicht viel, sagt Kromp-Kolb. 

Der derzeitige Unterschied zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern lässt sich so beschreiben: Die Industriestaaten sind sozial gut organisiert, in Bezug auf die Umwelt stellen sie eine ökologische Katastrophe dar. In den Entwicklungsländern ist es genau umgekehrt; in sozialer Hinsicht sind die Zustände katastrophal, aber bezüglich Ökologie steht es bei ihnen gut. Sowohl Industrieländer als auch Entwicklungsländer müssen sich bewegen, um eine Lebensqualität auf Basis der 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung zu erreichen. Dafür ist die Bewältigung der Klimakrise eine wichtige Voraussetzung, die uns viel abverlangt und eine tiefgreifende Veränderung in allen Lebensbereichen bedeutet. Genau das hat uns Helga Kromp-Kolb mit ihrem Vortrag bewusst gemacht.