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am 26. Mai

Wie hängen Pandemie, Eingriffe in die Umwelt und Klimakrise zusammen?

Lore Brandl-Berger - Die schnelle Ausbreitung von Krankheiten habe mit der weltweiten Vernetzung, dem Transport auf dem Land, dem Wasser und in der Luft zu tun. Das könne man bei der Corona-Epidemie sehr gut beobachten. Es werde immer wieder zu Pandemien kommen, aber man könne vorbeugen und den Verlauf abschwächen, indem man als wesentliche Voraussetzung die Ökosysteme erhält.

Hans Peter Hutter*, Facharzt für Hygiene, Mikrobiologie und Umwelt- und Präventivmedizin und Oberarzt im „Zentrum für Public Health“ an der MedUni Wien, und der Virologe Herwig Kollaritsch beantworten diese Frage im „Kurier“-Artikel „Wie die Klimakrise Pandemien fördert“ (17.4.2020), verfasst von Andreea Iosa. 

Durch die Verschiebung der Klimazonen können sich Infektionserreger, zum Beispiel Stechmücken, Überträger von gefährlichen Krankheiten, die bisher nur in den Tropen lebten, auch in anderen Regionen ausbreiten. Die derzeitige Ausbeutung der Ressourcen auf der Erde bedeute nicht nur eine Störung des Gleichgewichts von Ökosystemen und eine Beförderung des Klimawandels, sondern setze auch Viren und Bakterien frei. So treibe die Abholzung des Regenwaldes Affen, die Gelbfieber übertragen können, in die Flucht und auch in die Nähe von Menschen. Die Überfischung der westafrikanischen Küste habe dazu geführt, dass mehr Fleisch von den im Busch lebenden Tieren gegessen wurde. „Dies habe zu einer stärkeren Übertragung des Ebola-Erregers auf den Menschen beigetragen.“ Überhaupt stammen die meisten Erreger der letzten 40 Jahre von Tieren, diese Erreger werden Zoonosen genannt. Manche von ihnen mutieren und springen auf den Menschen über (Kollaritsch). So wird auch vermutet, dass der SARS-CoV-2- Erreger von Fledermäusen stammt.

Die schnelle Ausbreitung von Krankheiten habe mit der weltweiten Vernetzung, dem Transport auf dem Land, dem Wasser und in der Luft zu tun. Das könne man bei der Corona-Epidemie sehr gut beobachten. Es werde immer wieder zu Pandemien kommen, aber man könne vorbeugen und den Verlauf abschwächen, indem man „als wesentliche Voraussetzung“ (Hutter) die Ökosysteme erhält. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass wir Menschen nicht nur ein Teil des ökologischen Gleichgewichts, sondern auch dafür verantwortlich sind, dass es erhalten bleibt.  

* Hans Peter Hutter sprach am 15. Jänner 2020 auf Einladung der Bürgerinitiative „BunterLebenHietzing“ im Hietzinger Bezirksmuseum über das Thema „Gesundheitsrisiko durch Feinstaub und Lärm sowie andere umweltmedizinische Herausforderungen“ Lesen Sie den Artikel dazu hier!

Schon etwas von den Weißen und Schwarzen Schwänen gehört…?

- …von den Weißen und Schwarzen Schwänen des Nassim Nicholas Taleb, Autor von „Der schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse“ (2007), „Antifragilität: Eine Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen“ (2012)? In der Zeitschrift „Falter“ 16/2020 beschäftigt sich Kirstin Breitenfellner unter dem Titel „Talebs Gesetz“ mit der Gedankenwelt dieses Mathematikers und Risikoforschers.

Im Gegensatz zu den „Schwarzen Schwänen“ (siehe oben) nimmt Taleb die „Weißen Schwäne“ als Metapher für erwartbare Ereignisse, zu denen er die derzeitige Pandemie zählt. Vor deren Ausbruch warnte er gemeinsam mit dem Physiker Yaneer Bar-Yam vor der Gefahr, die von China, einem der durch seine expandierende Wirtschaft am stärksten vernetzten Länder, ausgehe. Die Mobilität insgesamt müsse eingeschränkt werden, auch wenn es uns viel kosten wird, aber wenn wir es nicht tun, könne es uns alles kosten, wenn nicht durch diese, vielleicht durch eine künftige Pandemie.

Taleb geht auch der Frage nach, wie Systeme antifragil und stressresistent werden können. Ein Hindernis für diesen Prozess sieht er in der „Dreifaltigkeit des Missverstehens“: 1. Wir irren uns, wenn wir glauben, gegenwärtige Verhältnisse durchschauen zu können. 2. Auch historische Verhältnisse sehen wir nur verzerrt. 3. Wir überbewerten Sachinformationen sowie die intellektuelle Elite. Er selbst vertraut lieber auf überlieferte Weisheiten als auf die Aussagen von AkademikerInnen.  Besser als Prognosen zu erstellen (er selbst ist nicht frei davon) sei es, die Stressresistenz von ​Systemen zu erhöhen, denn das Antifragile reagiere besser auf Unvorhergesehenes. Ein solcher „Sicherheitspuffer“ sei wichtiger als Effizienz, einer der Hauptpfeiler der derzeitigen Wirtschaft. Über die globalen Lieferketten (nicht nur) von Nahrungsmitteln und Medikamenten werde man kritisch nachdenken müssen. 

Taleb zieht das Bottom-up-System dem Top-down-Systemen vor, ein positives Beispiel ist für ihn das politische System der Schweiz. Er schätzt das Regionale und Kleinräumige, probiert gern Dinge aus und sieht den Irrtum als Teil davon. Die Bereitschaft für Risiko und Scheitern ist für ihn mit Moral verbunden; jemand, der eine Brücke gebaut hat, solle einige Zeit darunter schlafen. Dieser Satz stammt von den Römern und drückt die Verantwortung des Menschen für das von ihm Geschaffene aus. Sehr kritisch geht Taleb mit der Finanzwirtschaft um, in der er selbst gearbeitet hat, bevor er Risikoforscher wurde. Ebenso kritisch sieht er Manager von Betrieben, die auch noch gut aussteigen, wenn der Betrieb pleitegeht. Auch die Wirtschaftswissenschaftler, zu denen er selbst gehört, nimmt er von seiner Kritik nicht aus, weil sie die Konsequenzen dessen, was sie unterrichten, zu wenig zu spüren bekämen.

Die Autorin des Falter-Artikels schließt mit den Worten: „Von Nassim Nicholas Taleb kann man lernen, in einer Welt zu handeln, die man nicht zur Gänze versteht.“